Heinrich Wieland

Heinrich Wieland wurde am 4. Juni 1877 in Pforzheim geboren. Er war das älteste von insgesamt fünf Kindern des Chemikers Dr. Theodor Wieland und dessen Frau Elise. Theodor Wieland war 1871 in eine Pforzheimer Gold- und Silberscheideanstalt eingetreten, die er in den folgenden Jahren übernahm. Dieser Betrieb arbeitete Abfälle der Pforzheimer Schmuckbetriebe mithilfe chemischer Verfahren auf.

Da Wohn- und Geschäftshaus der Firma Dr. Theodor Wieland in einem Gebäude untergebracht waren, konnte bereits der junge Heinrich Gefallen an chemischen Experimenten finden. Nach dem Besuch der Volksschule besuchte er das Großherzogliche Gymnasium in Pforzheim, wo er am 11. Juli 1896 das Abitur bestand. Anschließend studierte er Chemie in München, Berlin, Stuttgart und promovierte am 8. Juli 1901 in München.

Nach einer Assistententätigkeit an einem Berliner Institut habilitierte er am 25. Januar 1905 an der Universität München. 1909 erhielt er den Titel eines außerordentlichen Professors und 1917 den eines ordentlichen Professors an der Technischen Hochschule München. Von 1921 bis 1925 hatte er den Lehrstuhl an der Universität Freiburg im Breisgau inne und wechselte danach an die Universität München als Direktor des Chemischen Instituts.

Für seine Arbeiten über die Struktur der Gallensäuren erhielt er 1928 den Nobelpreis in Chemie für das Jahr 1927. Diese Arbeit galt als eine der schwierigsten, die in dieser Zeit in der organischen Chemie gelungen war. Sie war die Grundlage für Forschungen über Cholesterin, Vitamin D und Sexualhormone. Aufgrund weiterer Arbeiten über organische Stickstoffverbindungen, organische Radikale, Naturstoffe und den Mechanismus der biologischen Oxidationsvorgänge gilt Wieland als einer der Begründer der modernen Biochemie.

Die Vorlesungen Wielands genossen einen ausgezeichneten Ruf. Bereits 10 Minuten vor Vorlesungsbeginn waren alle 620 Plätze des Münchener Hörsaales belegt. Unter Wielands Anleitung forschten im Laufe der Jahre über 600 Studenten aus dem In- und Ausland.

Über 30 Jahre redigierte er jeden Beitrag zu „Liebigs Annalen der Chemie“. Wieland war Autor von 17 Auflagen des Lehrbuches „Die Praxis des organischen Chemikers, Gattermann-Wieland“, das in viele Fremdsprachen übersetzt wurde.

Bemerkenswert ist auch Wielands offen gezeigte anti-nationalsozialistische Haltung. In der Zeit des Dritten Reiches fanden ca. 25 „rassisch Verfolgte“ Zuflucht und Beschäftigung in Wielands Institut. Als 1944 sieben Studenten aus dem chemischen Institut wegen Hochverrats angeklagt wurden, stellte sich Wieland als Entlastungszeuge zur Verfügung und spendete Lebensmittelmarken für die Verhafteten. Nach dem Krieg betrieb Wieland den Wiederaufbau des völlig zerstörten Chemischen Instituts. Im Jahr 1952 wurde der 75-jährige Wieland emeritiert.Mit seiner Frau Josephine war er seit 1908 verheiratet. Aus dieser Ehe gingen vier Kinder hervor. Der als ungemein fleißig geltende Heinrich Wieland wurde im persönlichen Umgang als sehr bescheiden beschrieben.

Seine besondere Liebe galt der Musik und dem Bergsteigen. Neben dem Nobelpreis wurde Heinrich Wieland mit einer großen Zahl wissenschaftlicher Auszeichnungen geehrt.

Er starb am 5. August 1958 in Starnberg.

A. Vollmer